Linearität war gestern – Trilogie, Teil 3

Credits: © alphaspirit - Fotolia.com


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Führen Sie noch ein lineares Leben? Ich meine, wie chronologisch ist Ihr Alltag noch? Abnehmende Tendenz, sagen Sie? Warum wundert mich das mal wieder nicht? Linearität. War das nicht gestern? Oder kehren wir schon wieder zurück zur Normalität der Gradlinigkeit? Stehen wir morgens noch auf, um als erstes den Kindern volle Aufmerksamkeit zu schenken, dann in der Arbeit Projekte nach und nach zwischen Meetings abzuarbeiten, um dann abends in Ruhe die Beine vor dem Fernseher hoch zu legen? Wohl kaum…

Linearität ist Chronologie. Linearität ist Struktur. Linearität ist Konstanz. Linearität ist Ordnung. Linearität hat ein Ziel. Linearität in Crossmedialität, das ist das Motto der Generation N(ow).

Ich will abschweifen. Ich will nach rechts und links. Ich will entdecken. Streunend und zerstreut. Ganz bewusst. Gewollt. Die Möglichkeiten sind so vielfältig, so mächtig, so einnehmend. Linearität klingt eindimensional und konservativ. Weshalb ihr stumpfsinning nachlaufen? Das Angebot zählt. Der Service befiehlt. Der Stream dominiert. Das ist die digitale Welt, wie sie uns heute verleitet, verführt, verortet.

Hören Sie noch ganze Platten? Geht die Linearität in der Musik nicht immer mehr verloren? Positiv oder negativ? Je nachdem, wie sie es sehen wollen. Wenn man Musik auf Spotify oder Soundcloud streamed, findet man dank Big Data passende und personalisierte Titel- und Albenangebote. Nur hört man meist keine ganzen Alben mehr sondern stellt “Compilations” zusammen, oder folgt denen die andere Nutzer aus ihrem Geschmack definieren. Die Linearität im Sinne einer Umsatzmaximierung für den einzelnen Künstler geht damit verloren. Verlust an Linearität ist dem einen sein Gewinn, dem anderen sein Genuss und so manchem seine Freiheit. Ein konstanter Weg muss also nicht unbedingt Erfolg nach sich ziehen. Kommt bald ein Zeitalter der One-Hit-Wonder?

Dank sozialer Medien sind wir auch dem linearen Fernsehen abhanden gekommen. Die Primetime verbleicht durch Netflix, Watchever, GoogleTV, Apple TV & Co. Nur noch die Sonntags-Bastion ist der Leuchtturm des linearen TV-Programms, des Lebens am Sonntag. Der Tatort flimmert aber nicht mehr am linearen Lagerfeuer. Er züngelt auf einer Woge von zahlreichen Paralleluniversen der Kleinkommunikationsbühne. Im Zeitalter von Social TV ist gar nicht mehr die Frage, welches Lagerfeuer besser brennt, sondern wie man beide Feuer kongenial am Brennen hält.

On-Demand ist die Devise, nicht vom Plot geknechtet sein der Wunsch. Das Ende, das Ergebnis, die Essenz – alles kommt zu erst. Wieso die Spannung von vorne aufbauen, wenn die zum Film der Ungeduld wird, die keine
Langeweile erträgt? Nehmen wir den Anfang einfach vorweg und generieren die Komplexität aus dem Plot. Spielen wir
mit und im Screen der Begierde mit Inhalten, Wissen und Zusatzinformationen. Panta Rhei einer wirren Gesellschaft auf der Suche nach Halt. Stränge fließen und sprießen, nichts bleibt zum Genießen. Quentin Tarantino lässt grüßen.

Lesen Sie etwa noch vorne nach hinten? Waren wir nicht früher auf serielle Erfahrungen, Erkenntnisse und Einsichten gepolt, auf von links oben nach rechts unten. Was wenn
Spritz -aber nicht der Drink, an den Sie jetzt gerade denken- aus Vorlesen das neue Lesen macht? Schneller, einfacher, mit der Option quer zu lesen, ohne den Faden zu verlieren? Nachlesen? Kein Thema. Schneller gestreamed als wenn die Augen von Zeile zu Zeile wandern.

Aber auch die Arbeitswelt ist von der Abkehr der Linearität betroffen. Millenials und ihre Nachfolger wollen keine Ordnung, kein Büro, keinen Stuhl, der ihnen “gehört”. Mal hier, mal dort sitzen und werkeln wo man will, je nach Laune und Wetter, das erscheint cool. Projektbasiert. Neu-orientiert. Unkoordiniert. Was weiß morgen, welche Tätigkeit ich gestern nur zur Pflichterfüllung geleistet habe?! Pflichterfüllung wäre ein Treueschwur an den Arbeitgeber, der über Jahre anregend, spannend und inspirierend dienen soll. Nicht wir. Nein. Wir sind die Entscheider, die den Entscheidern die Felder mit Querstrukturen neu bestellen. Nicht Knecht, nicht Sklave, sondern Bestimmer der Freiheit im Arbeitstraum.

Ob Linearität nun der heilsbringende Staub des einzig wahren Wissensgewinns oder das geordnete Chaos der Wissenskatalysation durch Communities ist, bleibt das Quod Erat Demonstrandum einer Generation, der wir noch mit
Geduld entgegentreten müssen. Einer Geduld, die wir nicht mehr haben, die eine Langeweile erfordert, die nicht unsere Fantasie mit den Leerzeichen zwischen der Suchleiste befruchtet oder in Streamen der Selbstverliebtheit schwelgt.

Credits: Bernd Aebischer - Twitter @BFAebischer


Credits: Bernd Aebischer – Twitter @BFAebischer

Linearität wandert in die Regression. Linearität denkt nicht quer, ist nicht kreativ, nicht innovativ. Keine Kopfgeburt (http://www.zeit.de/1998/45/199845.chaosanwendung_.xml), die sprunghaft das Persönliche in Spannendes, Zukünftiges oder Abstraktes denkt. Zumindest vordergründig. Der übernächste Schritt zählt. Rasten ist die Polizei der Linearität. Sie will die Ordnung, die heute niemand mehr erlaubt. Unsere Nächte nehmen ab, unser Schlaf wird immer kürzer, geschuldet einer Hast von einem Stream zum anderen. Nicht verpassen. Nichts verschlafen. Wer rastet übergibt sich der Chronologie der Zeit und spielt nicht in einer Welt der Überlinearität.

Linearität ermattet im Angesicht der Zerstreuung. Linearität hat sich verirrt. Linearität war gestern.

In diesem Sinne: “Stream me cross, Scotty!”

PS: Dieser Post ist Teil einer Trilogie zum Nachdenken von Martin Meyer-Gossner. Teil 1 dieser Trilogie heißt
„Geduld war gestern“ und Teil 2 ist betitelt mit
„Langeweile war gestern“.

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