Die Kälte lies Social Media vergessen… Oder: Eine Grenzerfahrung – Über 400km Radeln in 20 Stunden



Die Route stand seit Wochen fest: München-Gardasee. Gute 400km Rad fahren in knapp 20 Stunden war der Plan. Alles war perfekt organisiert: Bananen und Power-Riegel im Rucksack, genügend Mineralienpulver abgefüllt. Die Bikes waren noch einmal professional durchgecheckt worden. Es konnte losgehen…

18.30 Uhr. Jetzt ging es für 3 Stunden ins Bett. Um 23 Uhr sollte es losgehen. Ein letzter Blick auf die Wetterkarte. Die Prognose war verheerend: Sprühregen, Regen, Schnee waren die Aussicht auf der über 400km langen Strecke, die in knapp 20 Stunden vor uns liegen sollten. Nahezu ein Alptraum. Hoffnung? Gering.

23 Uhr. Auf der ersten Etape zum Tegernsee keimte sie wieder, die Hoffnung. Es war trocken, aber klirrend kalt. Dennoch gab es zufriedene Gesichter. Der Mond war sichtbar, der Himmel klar. Die Erwartungen waren schlimmer.

0 Uhr. Tegernsee. Das Grinsen auf den Gesichtern erfror uns ein paar Kilometer weiter als ein grimmiger Sprühregen einsetzte, den man nur zu gern mal auf Facebook geteilt hätte. Damit auch die Freunde ihn spüren. Ging nicht. Die Hände gehören ans Bike. Sie waren nahezu unbeweglich, eisig wie die Füsse trotz bester Ausrüstung. Ein Update schreiben bei der Bananenpause undenkbar.

1 Uhr. Aachenpass. Der Regen wurde schlimmer. Wind und Kälte konkurrierten mit ihm um die Vorherrschaft der zu bereitenden Schmerzen. Das Wasser in den Schuhen stieg. Die Banane am verlassenen Grenzübergang des Achenpasses schmeckte erschreckend frisch. Den Zehen drohte dagegen Auskühlung bei nebliger Atemluft, die unsere Lungen auspumpten. Trotzdem hielt die Konzentration und der Ehrgeiz einen ab, daran zu denken, wie gern man mal „F*** you weather!“ mit einem Bild gepinnt hätte.

2.30 Uhr. Jenbach. Die Abfahrt nach Jenbach wurde buchstäblich eine Zitterpartie bis zur ersten längeren Pause in einer Tankstelle. Betrunkene taumelten zeitgleich mit uns von der Abendtour in die Kneipen ein und holten sich ein kühles Bier. Der Gedanke daran war (erstmals im Leben?) mehr als unerträglich. Auch wir liefen nicht gerade hundert Prozent in der Spur wegen der klitschnassen und eiskalten Rennradschuhe. Wir verschütteten Tee und Kaffee mit unseren unkontrollierbar zitternden Händen. Am liebsten hätte man ihn über die Füsse gegossen. Ein Tweet schreiben? Vergesst es!

6 Uhr. Brennerpass. Endlich hatte der Regen ein Einsehen. Wir trockneten. Vor dem Aufstieg ein kurzes Update, dass wir noch leben. Nach 35km Aufstieg ein Jubel-Update! Erste Hürde geschafft bei Null Grad. Es waren ja nur noch weit über 200km bis zum Gardasee. Das erwähnte man nicht – vermutlich aus Selbstschutz. Sonne und blauer Himmel war in der Ferne in Sicht. Realität? Ein eisiger Wind bei der Abfahrt vom Brenner.

7.30 Uhr Sterzing. Große Frühstückspause. Als wir mit völlig spritzversauten Rad-Trikots ins Viersterne Hotel einlaufen, schauen sowohl das Personal als auch die Gäste etwas perplex. Als wir erwähnen, wo wir herkommen, wie das Wetter war und was wir noch vor uns haben, ernten wir ein verstörtes Kopfschütteln. „Ihr seid’s verrückt!“ In den Ecken tuscheln einige Gäste. Uns war es wurscht. Nein! Südtiroler Speck, Müsli, Früchte und, und, und… war uns wichtig. Aufwärmen zählte. Social Media war zweitrangig.

12 Uhr Südtirol. Das Trocknen und Aufwärmen des Körpers auf endlosen Graden schien ewig zu dauern. Dann endlich Südtiroler Weinberge. Wärme. Vor lauter Glücksgefühlen um die Sonnenstrahlen, Social Media vergessen. Und das obwohl es so viel tolle Sachen zu erzählen gegeben hätte, wie die innovative Künstlerstrasse, beeindruckende Wasserfälle, verzaubernde Burgen. Schaut Euch Südtirol an, wandert, aber heizt nicht einfach durch wie wir.

15 Uhr. Trentino. Den Wind auf dem Weg nach Trento hätte man gerne mal durchs Social Web blasen lassen. Die Buchstaben hätten keinen Sinn mehr ergeben. Soviel ist sicher. Und als ob der Wettergott uns noch nicht genug geleutert hat, schickt er uns nach 350km noch mal dicke Tropfen. Mehr als genug! Das Handy wäre absoffen, hätte man es aus dem Rucksack geholt und etwas ins Social Web getwittert. Beim Mittagessen schmeckten die Nudeln, der Salat und das Grapefruit-Weizen so lecker wie selten zuvor. Die Kraft lies nach. Telefonieren mit der Familie war anstrengend genug. Social Networking? Wozu?

17 Uhr. Der letzte Aufstieg durch einen kalten, dunklen und nassen Wald im Trento war ein Kampf Seele gegen Körper. Man hätte wohl getwittert: „L*** mich Natur! Keine Berge mehr! Kein Regen mehr! Bitte!“ Nix „mens sana, in corpore sano“!

19 Uhr. Vor Riva del Garda. Es passiert – im strömenden Regen: Platten! Man will es twittern, pinnen, teilen, irgendwo. Nein, will man nicht. Man will sich beamen. An einen warmen Ort. In die Sonne. Oder in eine heiße Duschkabine. Hauptsache warm!

Fazit
Wir haben unser Ziel Gardasee erreicht – nach 20 Stunden. Es war eine wunderbare Grenzerfahrung. Nie werde ich die zwanzig Minuten unter der heißen Dusche vergessen. Sie haben überdeckt, dass ich eigentlich Status Updates durchgängig teilen wollte bei jeder Pause. Nicht mal ein „Geschafft!“ wollten meine Finger am Ende des Tages tippen. Wir hatten fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Vergesst Social Media ab und zu. Vielleicht ist eine Grenzerfahrung viel spannender, ein Zurück zur Natur und zu sich selber. Das ist etwas, dass unser permanentes Social Media nicht leisten kann. Und dann seid stolz darauf. Teilt die Erfahrung – in einem Blogpost. Das schafft eventuell Motivation für andere Freunde, Fans, Follower. Das schafft die Wärme in Social Media. Das schafft Mitfühlen. Das schafft Miterleben.

Das ist Leben in Social Media.

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