Gedanken zu Ärzten und Social Media – Genesung oder (Er-)füllung?

Das Besondere an Social Media ist, dass man mit Themen konfrontiert wird, die einen jetzt nicht wirklich alltäglich beschäftigen. Botox und Filler sind da so ein Thema. Aber wenn einem solche Twitter Accounts folgen, frägt man sich mit über 40 Jahren doch, ob da jemand gezielt Monitoring macht, oder was da los ist…

Wenn man zum Arzt geht, hat man ein klares Anliegen. Man will Genesung. Ob man das twittert, ist wohl eher fragwürdig. Man macht wohl auch kein Video von seinen gesundheitlich angeschlagenem Körper. Und man schaut wohl auch nicht, ob da jetzt gerade via Facebook verlautet, dass die Praxis voll ist. Dafür würde eine normale Webseite mit gutem Serviceangebot wohl auch langen…

In der plastischen Chirurgie und Schönheitsindustrie ist das ganz anders. Wer hier hingeht, will Erfüllung (oder sollte ich Füllung sagen?)… Diese Ärzte gehen inzwischen voll in die Patientenakquise via Social Media…

Letzte Woche stolpere ich über einen meiner Follower – einen ganz besonderen Twitter-Account:
@smoothcare. Ein aktiv twitternder Arzt, der sich selbst mit der Biographie auszeichnet:
“Ärzte im Dienst der Schönheit – Dr. med. Michael Lieke. Ästhetische Medizin, spezialisiert auf Behandlungen mit Botox und Fillern”. Vertrauenserweckend lächelt einem das Gesicht des Kreuzlinger Arztes von der Schweizer Seite des Bodensees rüber.

Meine Frau kommt vom Bodensee, ich teile oft Bilder vom See und meine Falten sind schon ein wenig sichtbar im Web. Macht dieser Arzt etwa Social Media Monitoring…?

Schnell wird mir klar, dass in der twitternden Schönheits-Community offensichtlich ordentlich Bedarf nach Information ist. Denn dem Account folgen über 11.000 weitere Twitter-Accounts. Beachtlich…! Auf
Facebook hingegen hat man wohl erst angefangen, da die Zahl noch tief zweistellig ist. Nach kurzer Recherche stelle ich fest, was da noch so an Botox Twitter-Accounts existiert –
hier,
hier,
hier.

Auch wenn ich mit dieser Form der Ärztebranche noch keine Erfahrung gemacht habe, fasziniert mich der Social Media Aktivitätsindex der Praxis des Dr. med. Michael Lieke. Würde er wirklich selbst twittern, müsste man sich um die Praxis sorgen – und natürlich auch um die Patienten. Täglich zwitschern da zwischen 5-10 Tweets durch den sozialen Kanal – manchmal sogar im Minutentakt.

Schnell wird klar, das wird wohl kaum die Praxis selbst sein, die da aktiv ist. Das professionelle Erscheinungsbild und die Sprachwahl lassen auf eine PR- und/oder Marketingagentur schließen. Ist ja auch keine schlechte Klientel, die da PR-professionell verarztet werden will. Ein gefundenes Fressen für die Agenturszene, das wahre Erfüllung im Geldbeutel bringen dürfte.

Geantwortet haben sie auf meine Direktmail via Twitter jedoch nicht, was mich dann wiederum nicht verwundert hat. Offensichtlich eine Agentur, die Social Media noch nicht ganz so verstanden hat und vermutlich eher den Marketingansatz verfolgt, worauf auch das Angebot der Webseite schließen lässt (siehe Angebot). Vielleicht hätte mich ja eine Behandlung erfüllt. Wer weiß…

Angebot_schonheitklinik

Durch Zufall stoße ich (wieder via Twitter) zwei Tage später auf zwei Studien zum Thema Ärzte und Social Media. Die
eine Studie besagt, dass bereits fast 3.100 Krankenhäuser in den USA Social Media Seiten haben und diese auch aktiv nutzen zur Aufklärung.

Die andere im letzten Jahr veröffentlichte Studie zeigt, dass 90% der Ärzte zumindest eine Social Media Plattform privat nutzen (bevorzugt Facebook…), und sogar 67% zu professionellen Zwecken. Zu diesem Ergebnis kommt eine
Studie von QuantiaMD und der Care Continuum Alliance, die über 4.000 Klinikärzte befragt hat.

Docs_and_use_of_social_media

Laut Studie sind Ärzte-Communities bei beruflicher Nutzung schon ordentlich im Einsatz: 28% der nicht-QuantiaMD Mitglieder tummeln sich bereits hier, vorwiegend um von Kollegen zu lernen. Das sind nun aber nicht unbedingt nicht nur Schönheitschirurgen, wie die diskutierten Themen der Studie später zeigen. Nach Ansicht der in Communities (nicht nur Facebook, twitter, YouTube, etc. zählen hierzu) aktiven Krankenhausärzte beeinflusst ihr Engagement aber auch die Patientengesundheit positiv.

Positive_impact_of_health_communities

Schade nur, dass laut Ansicht der Studienteilnehmer die Awareness für solche Communities noch zu wünschen übrig lässt und auch noch ein paar Schattenseiten zu klären sind. Denn: Auch wenn die Interaktion mit Patienten als positiv bewertet wird, so gibt es Bedenken hinsichtlich Privatsphäre der Patienten, Haftung und Ausgleich für solches “soziales Digital-Engagement”.

Die Frage, die sich mir stellt… Kann der Austausch mit Ärzten über Communities oder Social Media wirklich Genesung oder Erfüllung bringen? Was hält man von solchen PR-aktiven Ärzte und Klinik-Accounts? Oder sollten sich Ärzte hier doch lieber zurückhalten? Jetzt seit ihr gefragt…

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